Das Leben von
Josef Ganz
Das aussergewöhnliche Leben des jüdischen Ingenieurs hinter Hitlers Volkswagen.
„In seiner Eigenschaft als Herausgeber der Zeitschrift ‚Motor-Kritik‘ zwischen 1928 und 1934 hat Herr Ganz reges Interesse an der Entwicklung eines deutschen ‚Volkswagens‘ gezeigt und gemeinsam mit anderen Ingenieuren wie Professor Porsche maßgeblich zur Verwirklichung dieses Projekts beigetragen."
Mit diesen Worten begründeten die deutschen Behörden im Jahr 1965, warum Dipl.-Ing. Josef Ganz (1898–1967) das Bundesverdienstkreuz erhalten sollte. Dieser Versuch kam fast drei Jahrzehnte, nachdem der jüdische Ingenieur Josef Ganz aus Nazi-Deutschland geflohen war und nur knapp einem Anschlag auf sein Leben entgangen war.
Von Budapest nach Berlin
Josef Ganz wurde am 1. Juli 1898 in Budapest geboren. Sein Vater war der bekannte Journalist und Schriftsteller Dr. Hugo Markus Ganz, der aus Deutschland stammte und für die Frankfurter Zeitung und die Neue Zürcher Zeitung arbeitete. Josef Ganz sollte später ebenfalls als Journalist tätig sein, fühlte sich aber schon früh von der Technik fasziniert und erhielt sein erstes Patent im Alter von zwölf Jahren. Nach seinem Dienst in der deutschen Marine im Ersten Weltkrieg begann er ein Maschinenbaustudium, zunächst in Österreich und ab 1920 in Deutschland.
Als Student begeisterte sich Josef Ganz für die Idee, ein Volksauto, einen Volkswagen, zum Preis eines Motorrads zu bauen. 1923 fertigte er die ersten Skizzen für ein kleines, leichtes, vierrädriges Fahrzeug mit Mittelmotor, Einzelradaufhängung an allen vier Rädern und stromlinienförmiger Karosserie an. Inspiriert wurde der Entwurf vom revolutionären Rumpler-Tropfenwagen aus dem Jahr 1921.
Die Stimme der Motor-Kritik
Da Josef Ganz die Mittel fehlten, seine Ideen zu verwirklichen, begann er stattdessen, in verschiedenen Motorzeitschriften darüber zu schreiben. Kurz nach seinem Abschluss als Diplom-Ingenieur 1927 wurde Ganz neuer Chefredakteur von Klein-Motor-Sport. Diese Zeitschrift, die er 1929 in Motor-Kritik umbenannte, nutzte er als Plattform für unterstützende, aber scharfe Kritik, kämpfte gegen die Korruption in der Automobilindustrie und der Presse und förderte innovative Technologien — darunter die Idee des Deutschen Volkswagens.
Die Automobilkonzerne wehrten sich gegen Motor-Kritik mit Klagen, Verleumdungskampagnen und einem Anzeigenboykott. Doch jeder neue Vernichtungsversuch steigerte nur die Bekanntheit der Zeitschrift, und Josef Ganz etablierte sich endgültig als führender unabhängiger Automobilinnovator in Deutschland.
Den Volkswagen bauen
Im Sommer 1930 baute Josef Ganz beim Motorradhersteller Ardie in Nürnberg den ersten Prototyp seines Volkswagens. Dieses kleine, leichte Fahrzeug verfügte über einen zentralen Zentralrohrrahmen, Einzelradaufhängung an allen vier Rädern mit Pendelachsen hinten, einen Mittelmotor und eine stromlinienförmige Karosserie. Nachdem sich der Ardie-Ganz-Prototyp bewährt hatte, baute Josef Ganz einen zweiten, robusteren Prototyp, als er als technischer Berater beim Automobilhersteller Adler in Frankfurt am Main verpflichtet wurde. Dieser Prototyp wurde im Mai 1931 fertiggestellt und erhielt den Spitznamen Maikäfer.
Die Nachricht über das revolutionäre neue Modell verbreitete sich rasch in der Branche, und viele Ingenieure testeten den Maikäfer, darunter Ferdinand Porsche, Ferry Porsche und Adolf Rosenberger, bevor das Konstruktionsbüro Porsche mit der Entwicklung des Zündapp Typ 12 begann.
Eine Branche im Wandel
Neben Adler war Josef Ganz auch als beratender Ingenieur bei Daimler-Benz und BMW tätig, wo er an der Entwicklung der ersten Modelle mit Einzelradaufhängung mitwirkte: dem überaus erfolgreichen Mercedes-Benz 170 und dem BMW AM1 (Automobilkonstruktion München 1). Darüber hinaus konnte Josef Ganz Direktor Wilhelm Kissel und den technischen Direktor Hans Nibel von Daimler-Benz dazu bewegen, unter seiner Leitung neue heckmotorisierte Modelle zu entwickeln. Seine brillante Ingenieursarbeit und seine kritischen journalistischen Beiträge stießen eine Revolution in der Automobilindustrie an: hin zu erschwinglichen, leichten, komfortablen, sicheren und sparsamen Fahrzeugen.
Im Februar 1933 stellte die Standard Fahrzeugfabrik aus Ludwigsburg auf der Berliner Automobilausstellung IAMA ihr neues Modell Standard Superior vor — einen Volkswagen auf Grundlage der Patente von Josef Ganz. Adolf Hitler, der zwei Wochen zuvor zum Reichskanzler ernannt worden war, eröffnete die Messe und zeigte sich an der Konstruktion des Standard Superior und dem niedrigen Verkaufspreis von nur 1.590 Reichsmark sehr interessiert.
Verfolgung im Dritten Reich
Während Ganz zu jener Zeit als unpolitisch galt, unterstützte er die neue Regierung zunächst aufgrund ihrer entschlossenen Initiative zur Motorisierung Deutschlands durch die Förderung kleiner Fahrzeuge und den Bau von Autobahnen. Seine Gegner missbrauchten jedoch ihren Einfluss auf die neue antisemitische Regierung und erhoben falsche Anschuldigungen gegen ihn. Während viele deutsche Automobilkonzerne ironischerweise begonnen hatten, die in Motor-Kritik propagierten progressiven Ideen zu übernehmen, wurde Josef Ganz im Mai 1933 aufgrund erfundener Vorwürfe der Erpressung der Automobilindustrie von der Gestapo verhaftet. Er wurde schließlich freigelassen, doch Feinde in der Gestapo und in der Regierung zerstörten systematisch seine Karriere. Selbst sein Leben war in Gefahr.
Dies führte im Juni 1934 zu seiner Flucht aus Deutschland — genau in dem Monat, in dem Adolf Hitler Ferdinand Porsche damit beauftragte, die Vision von Josef Ganz zu verwirklichen: einen serienreifen Volkswagen zu einem Verbraucherpreis von 1.000 Reichsmark zu konstruieren. Der Standard Fahrzeugfabrik, die kurz zuvor ein neues Modell mit Platz für eine Familie mit zwei Kindern auf den Markt gebracht hatte, wurde nun untersagt, in ihrer Werbung den Namen Volkswagen zu verwenden.
Ein Neuanfang in der Schweiz
1935 liess sich Josef Ganz in der Schweiz nieder, wo er mit staatlicher Unterstützung ein Schweizer Volkswagen-Projekt startete. Die ersten Prototypen entstanden 1937 und 1938, und es wurden Pläne für eine Serienfertigung in einer neuen Fabrik geschmiedet. Nach Beginn des Zweiten Weltkriegs geriet Josef Ganz jedoch erneut in ernste Gefahr durch die Gestapo und korrupte Schweizer Regierungsbeamte, die das Schweizer Volkswagen-Projekt für sich beanspruchen wollten.
Exil und Vermächtnis
Nach dem Krieg verklagte Josef Ganz in einem verzweifelten Versuch, Gerechtigkeit zu erlangen, seine Schweizer und deutschen Gegner. Erschöpft von fünf Jahren überaus komplexer Gerichtsverfahren musste Josef Ganz die Schweiz im Oktober 1950 verlassen und liess sich in Paris nieder. In Frankreich hatte er bereits Kontakte; er hatte dort an einem neuen Kleinwagen für Automobiles Julien gearbeitet, konnte aber nicht mehr mit dem deutschen Volkswagen mithalten — der bald zu Millionen die Welt erobern sollte.
1951 beschloss Josef Ganz, die alte Welt hinter sich zu lassen, und bestieg ein Überseeschiff nach Australien. Einige Jahre arbeitete er dort für General Motors – Holden, war jedoch nach einer Reihe von Herzinfarkten Anfang der 1960er-Jahre nahezu bettlägerig. Trotz einiger Versuche, seinen Namen wiederherzustellen, kam es zu spät. Josef Ganz starb 1967 in Australien in der Anonymität — sein Vermächtnis von allen geschätzt, sein Name jedoch vergessen. Sein Schreibtisch lag voller Belege für jene bizarre Lebensgeschichte, deren Erzählung er sich so sehr gewünscht hatte.
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