Beitrag

Kommentar zum Buch „Eine Familie in Deutschland – Am Ende die Hoffnung“ (Peter Prange, 2019)

Archiv 14. Juni 2020
Kommentar zum Buch „Eine Familie in Deutschland – Am Ende die Hoffnung“ (Peter Prange, 2019)

Im Buch „Eine Familie in Deutschland – Am Ende die Hoffnung“ von Peter Prange, veröffentlicht Ende 2019, spielt Josef Ganz eine bedeutende Rolle. Seine Freundschaft zu Georg Ising, die erstmals 2009 von Paul Schilperoord dokumentiert worden ist, wird im Roman des deutschen Bestseller-Autors Prange lebhaft beschrieben. Den real existierenden Figuren Josef Ganz und Georg Ising werden fiktive Personen als Hauptcharaktere hinzugefügt, so die ganze Familie von Georg Ising aus Wolfsburg.

Leider werden nebst dieser Figuren auch historisch bedeutende Fakten der Spannung des Romans geopfert. Aus unserer Sicht ist es erfreulich, dass Prange die Geschichte von Ganz beschreibt, wie wir sie ebenfalls als richtig empfinden – Ganz als Mann hinter dem Volkswagen-Konzept, Porsche als Konstrukteur des in Massenproduktion hergestellten Volkswagen Käfers und Ausführer der Befehle Hitlers. Wer in Prange’s Roman schlechter im Licht steht, als wir es als korrekt empfinden, ist der Volkswagen-Direktor Heinrich Nordhoff, ein Freund von Ganz. In der Rede des damaligen VW Direktors von 1958 in New York erwähnt er nur Porsche und Ganz – in der fiktiven Version der Rede im Roman hingegen erwähnt Nordhoff Porsche und alle anderen Konstrukteure, die mit dem VW-Käfer in Verbindung gebracht werden, nicht aber Ganz. Also eine komplett verdrehte Darstellung der Fakten. Dies begründet Peter Prange, mit dem ich am 2. Juni 2020 persönlich telefonieren konnte, so: laut Prange gibt es Fakten, die zeigen, dass der Volkswagen Konzern Josef Ganz aktiv totschweigt. So zum Beispiel die Tatsache, dass im Werk „Das Volkswagenwerk und seine Arbeiter im Dritten Reich“ von Hans Mommsen, in dem Volkswagen zahlreiche dunkle Teile seiner Geschichte benennt und aufarbeitet, Josef Ganz nicht einmal als Fussnote erwähnt wird. Dieses „Todschweigen“ des Ingenieurs Josef Ganz drückt Prange mit Hilfe Nordhoffs abgeänderter Rede aus und legt dies so dem ehemaligen Volkswagen-Direktor in den Mund. Schade, dass gerade diese Person dafür hinhalten muss – war es doch Nordhoff, der mit Josef Ganz eine schöne Freundschaft mit regem Briefkontakt führte. Nordhoff war es, der Ganz in den 60er Jahren nach Deutschland zurückholen wollte: für eine Anstellung im Volkswagenwerk. Nordhoff brauchte die Hilfe von Ganz unter anderem, weil er über die komplexe patentrechtliche Situation bei den Automobilen wie kein anderer Bescheid wusste.

Andere spannende Geschichten, die Prange im Gespräch nannte, handelten von Wutausbrüchen alter Volkswagen-Funktionäre, wenn sie den Namen Josef Ganz hören (Namen und Details lasse ich aus Rücksicht dieser Personen weg). Es scheint aber einmal mehr ganz klar: Josef Ganz darf in der Geschichte von Volkswagen nicht existieren. Der Mythos Porsche ist unantastbar.

Schade, dass der Autor Prange auch in Interviews keine Quellen offenlegt, so zum Beispiel in der „Berliner Morgenpost“ (7.10.2019):

Bei seinen Recherchen ist der Autor auf etwas ihn Überraschendes gestoßen. „Der VW-Käfer ist ja ein deutscher Mythos und wir verbinden das Auto mit dem Namen Ferdinand Porsche. Aber die Idee eines Volkswagens ist bereits in den 20er-Jahren vom jüdischen Autokonstrukteur Josef Ganz konzipiert worden“, sagt Prange. Der aus Ungarn stammende Ingenieur hatte einen Prototypen gebaut und seinen „Maikäfer“ zwei Wochen nach der Machtergreifung durch die Nazis auf der Berliner Automobilausstellung 1933 vorgestellt.

„Ganz hatte die Eröffnungsrede von Hitler gehört“, sagt Prange, „wo der Autobahnen und ein Auto von der Industrie forderte, das für jedermann erschwinglich ist. Ganz sah die Chance seines Lebens, drei Monate später verwüstete die Gestapo sein Büro in Frankfurt.“ Über die Schweiz emigrierte Ganz schließlich nach Australien. Sein Name ist heute weitgehend vergessen und verschwiegen. „Man will offenbar nicht am Mythos von Ferdinand Porsche kratzen“, glaubt Prange: „Aber die Grundidee eines Volkswagens stammt nicht von Porsche, die hat Ganz entwickelt.“

Oder auch auf Wissenschaft.de, direkt angesprochen darauf, wie er auf die Fakten über Volkswagen und Josef Ganz gekommen ist (20.11.2019):

Wie und wann sind Sie auf [Josef Ganz] gekommen, [Peter Prange]?

[Peter Prange:] Vor vier Jahren bei den Recherchen für meinen Roman „Eine Familie in Deutschland“, der die Geschichte des Nationalsozialismus vom Tag der Machtergreifung bis zur Kapitulation erzählt. Ganz wichtig in dem Zusammenhang ist die Geschichte des Volkswagens. Jedermann denkt, das sei das Produkt Ferdinand Porsches. Das ist auch nicht falsch. Es hat aber einen Vorläufer gegeben, der den Ur-VW, den „Urkäfer“, erfunden hat, das war Josef Ganz. Für mich eine überraschende Entdeckung.

Das Telefonat mit Prange war spannend, der Kontakt positiv. Schön wäre es gewesen, wenn er während seiner Recherchen mit Paul Schilperoord Kontakt aufgenommen hätte. Wie Prange sich in Interviews äussert, liegt ihm viel an historischer Korrektheit in seinen Büchern. Im Zusammenhang mit Josef Ganz und der VW Geschichte wäre eine Zusammenarbeit mit dem Ganz-Biographen Schilperoord sehr dienlich gewesen. Wir wünschen Prange viel Erfolg mit seinen Büchern und einer möglichen Verfilmung, in der einige historische Fakten in unserem Sinne korrigiert werden könnten.

Was ist Ihre Meinung zu diesem Buch und diesem Beitrag? Diskutieren Sie in den Kommentaren unten.

Links: