Im Mai 2022 fand in Bern/Schweiz ein grossartiger Anlass zu Ehren von Josef Ganz statt, das Konzert „Über ds Chrüz“ mit dem Schweizer Bluessänger Philipp Fankhauser, dem Komponisten und Dirigenten Sebastian Schwab, dem britischen Dirigenten, Organisten und Pianisten Wayne Marshall und dem Berner Symphonieorchester. Ein Weltklasse-Anlass – und Josef Ganz mittendrin.
Mit der freundlichen Genehmigung des Casino Bern dürfen wir einen Auszug aus dem Programmheft veröffentlichen, übersetzt ins Englische. Zuerst gehen wir vertieft auf das Konzert ein, anschliessend folgt das Interview mit Philipp Fankhauser und Sebastian Schwab.

Über das Konzert
Heute Abend kreuzen sich die Wege von Künstlern, die sich im Bühnenalltag sonst selten oder nie begegnen. Klassisches Symphonieorchester trifft auf Bluesmusik! Das erste Konzertexperiment dieser Art mit Lo & Leduc hat bereits gezeigt, dass eine solche Begegnung scheinbar unvereinbarer Stile das Potenzial für neue und mitreissende Klangenergien birgt. Bühnen Bern und Casino Bern setzen die Idee als Reihe fort.

Philipp Fankhauser, einer der international bekanntesten Schweizer Bluesmusiker, traf mit seiner Band auf das Berner Symphonieorchester. Wayne Marshall, bis vor kurzem Chefdirigent des WDR-Funkhausorchesters und in Bern bestens bekannt für seine inspirierenden Interpretationen der Musik von Gershwin und Bernstein, dirigierte. Als Blues- und Jazzspezialist brachte er die besten Voraussetzungen für dieses gewagte Experiment mit. Wenn Blues und Klassik aufeinandertreffen, sollen beide zu Wort kommen: Fankhausers Songs, neu für Band und Symphonieorchester arrangiert von Sebastian Schwab, standen ebenso im Zentrum des Programms wie zwei Kompositionen von George Gershwin. Das 20-minütige Orchesterwerk „An American in Paris“ und die Ouvertüre zu „Strike Up the Band“, ein Meilenstein in der Geschichte des Broadway-Musicals, lassen uns hören, dass ein „klassisches“ Symphonieorchester zu Groove, Swing, Coolness, Blues-Romantik und den wunderbarsten Schattierungen von Humor fähig ist.

Welturaufführung mit Josef Ganz
Die Zusammenarbeit von Klassik und Blues wurde gekrönt mit der Premiere eines gemeinsam für „Über ds Chrüz“ geschaffenen Werkes von Philipp Fankhauser und Sebastian Schwab. „Ode an Josef Ganz – den vergessenen jüdischen Ingenieur hinter Hitlers Volkswagen“ handelt von Leben und Werk des Autokonstrukteurs Josef Ganz, der sich seit den 1920er-Jahren stark für die Idee des „Kleinwagens für alle“ einsetzte. Er prägte den Namen (Mai-)Käfer und besass zahlreiche Patente, bis er aufgrund der politischen Entwicklungen in die Schweiz fliehen und später nach Australien emigrieren musste. Josef Ganz starb 1967 verarmt am anderen Ende der Welt. Erst 2002 entdeckte der Niederländer Paul Schilperoord sein Archiv in Melbourne. Sebastian Schwab übersetzt die Motive dieser Geschichte in Orchestermusik, mit Philipp Fankhauser als Erzähler, der ausgewählte Texte zum Leben des Autokonstrukteurs einfügt.

Interview Philipp Fankhauser und Sebastian Schwab
@Fankhauser: Wie fand die historische Figur Josef Ganz ihren Weg in „Über ds Chrüz“? Wer war er, und was verbindet Sie mit ihm?
Eher zufällig stiess ich Ende 2020 auf den Film „Ganz – How I lost my Beetle“ von Suzanne Raes. Und weil mir als Nachkomme eines jüdischen Grossvaters aus Nürnberg das Thema Nationalsozialismus sehr vertraut ist, hat mich die Lebensgeschichte von Josef Ganz tief erschüttert und meinen starken Sinn für Gerechtigkeit entfacht. Es gibt auch gewisse Parallelen zur Bluesmusik: Elvis Presleys steiler Aufstieg gründete auf der Komposition „That’s Alright Mama“. Der Autor, der Bluesmusiker Arthur „Big Boy“ Crudup, erhielt jedoch erst nach vielen Jahren einen verschwindenden Bruchteil der ihm zustehenden Tantiemen. Oder der Song „Sweet Home Chicago“ sei von den Blues Brothers geschrieben worden, hört man bisweilen. Nein, er stammt von Robert Johnson. Wem Ehre gebührt, dafür stehe ich ein.
Dass diese Ode überhaupt zustande kam, ist gewissermassen der Pandemie zu verdanken. Die Konzerte waren ursprünglich für Mai 2020 geplant, lange bevor ich den Film sah. Damals, im Winter 2019/2020, war es meine Absicht, gemeinsam mit Sebastian eine Lobeshymne auf Bern zu schreiben. Auch das wäre wohl eine Ode geworden.
@Fankhauser: Eine Ode ist eine sehr alte musikalische Form, sie geht auf die antike Tragödie zurück. Zugleich bedeutet das Wort zunächst einfach „Lied“. Aber eine Ode an jemanden kann mehr sein als ein Lied. Was war Ihre Ausgangsidee zur „Ode an Josef Ganz“? Gibt es weitere Oden unter Ihren Songs?
Nachdem Sie mir diese Frage gestellt hatten, rief ich Sebastian Schwab an, um seine Meinung zum Wort „Ode“ zu hören. Für mich klingt Ode nach „Lobgesang“, „Verbeugung vor“ oder eben auch „Lied für“. Auch Sebastian verstand das Wort in diesem Sinne, insbesondere Schillers „Ode an die Freude“, und zusammen entschieden wir, dass unsere Verbeugung vor Josef Ganz eine Ode sein soll. Die Geschichte ist ohnehin eine wahre Tragödie, und dank der Musik von Sebastian Schwab ist sie auch ein Lied. Was den Text der Ode betrifft: Ich habe darauf verzichtet, einen eigenen Text zu schreiben; das schien mir nicht angemessen. Stattdessen werde ich historische Textpassagen und Anekdoten aus dem Leben von Josef Ganz, basierend auf Texten von Suzanne Raes und Paul Schilperoord, zur Musik von Sebastian lesen. Wahrlich ein Experiment, vor dem ich grossen Respekt, um nicht zu sagen einiges Lampenfieber habe!
@Schwab: Welche musikalische Form haben Sie vor Augen, wenn Sie diese Geschichte hören?
Das Stück beginnt mit gedämpften Schlägen der Basstrommel, die die Stille brechen. Ich stellte mir den Herzschlag von Josef Ganz vor, in dem Moment, als er erkannte, dass er seines geistigen Eigentums vollkommen beraubt worden war. Danach wollte ich emotionale Leere und Verzweiflung komponieren. Phrasen führen ins Nichts, Sehnsucht bleibt unerfüllt. Dazu Texte von und über Josef Ganz, wie Philipp es beschrieben hat. Diese melodramatischen Teile wechseln sich ab mit dem Volkslied „Maikäfer, flieg“ in verschiedenen Variationen. Ein Lied, das Assoziationen weckt: zum VW Käfer, zur Kriegszeit, zum Kinderlied „Schlaf, Kindlein, schlaf“ – Sinnbild der „väterlichen“ Liebe des Erfinders zu seinem Auto.

@Schwab: Sie hatten für die erste Ausgabe von „Über ds Chrüz“ auch die Songs von Lo & Leduc für das Berner Symphonieorchester arrangiert. Was ist nun anders, wenn Sie mit den Klangfarben einer Bluesband arbeiten?
Lo & Leduc haben ihren Ursprung im Hip-Hop. Ihre Musik ist darauf ausgelegt, den Rahmen für die gerappten Texte zu bilden. Deshalb musste ich für die Orchesterarrangements strukturell denken, die Beats sind gerade und stabil. Bei Philipp, im Blues, ist es anders: Die Musik denkt von der Melodielinie her, ihr Rhythmus ist weicher, laid-back, was wir gerne „Groove“ nennen. Ich muss also vor allem die Bögen zwischen den Phrasen denken. Bei Lo & Leduc musste der Sound kantiger sein, bei Philipp eher schmackhafter. Beides hat seinen grossen Reiz und seinen eigenen Charme.
@Fankhauser: Ist „Über ds Chrüz“ das erste Mal, dass Sie Ihre Musik mit dem Klang eines klassischen Orchesters verbinden? Was erwarten Sie von diesem Experiment?
Vor dreissig Jahren hatte ich die Ehre, anlässlich der Festivitäten zur Renovation des Schaufelraddampfers „Blüemlisalp“ in Thun zusammen mit meiner Band, einem Kammerorchester und dem grossen Pianisten Michael Studer einen Song aufzuführen. Leider gibt es davon keine Aufnahme. Mit grosser Vorfreude und auch einer gewissen Anspannung erwarte ich die beiden Konzertabende im Casino Bern. Der Auftritt mit Wayne Marshall und dem BSO ist eine grosse Ehre für mich, und ich bin fest überzeugt, dass dieser Blues-Klassiker sehr exquisit klingen wird.