Josef Ganz zwischen einem Adler und einem Mercedes-Benz, 1930
Hintergrund · 1930–1938

Josef Ganz und Daimler-Benz

Von 1930 bis 1933 arbeitete Josef Ganz, Herausgeber der Motor-Kritik und Konstrukteur des Maikäfers, als beratender Ingenieur für Daimler-Benz. Briefe der Direktoren des Unternehmens, die heute im Archiv Schilperoord liegen, zeigen ein engeres Verhältnis, als lange angenommen wurde: Daimler-Benz holte seinen Rat ein, übernahm seine Vorschläge für den neuen Kleinwagen, wollte ihn 1931 nicht gehen lassen und beendete die Zusammenarbeit erst 1933 – nach Aussage des eigenen Anwalts auf Druck von aussen.

Ein Berater, den das Unternehmen wollte

Laut einer eidesstattlichen Erklärung eines Vertreters von Daimler-Benz beriet Ganz das Unternehmen erstmals im September 1930 ehrenamtlich, gegen ein symbolisches Honorar, das er nie in Rechnung stellte. Es folgte ein bezahlter Vertrag vom 16. Dezember 1930 über 500 Reichsmark im Monat ab Januar 1931. Die Erklärung nennt auch den Grund: Ganz war gerade Berater von Adler geworden, und Daimler-Benz hatte ihn wissen lassen, dass man eine Vereinbarung allein mit Adler als unfreundlichen Akt betrachten würde.

Der Automobilhistoriker Michael Graf Wolff Metternich nannte ein konkretes Ergebnis der Zusammenarbeit: den Heckmotor-Prototyp W 17, auch Typ 120 genannt. Im Oktober 1931 dankte der Vorstandsvorsitzende von Daimler-Benz, Wilhelm Kissel, Ganz für seinen Rat bei der Entstehung eines neuen Wagens – laut Metternich des Mercedes-Benz 170, des ersten Wagens des Hauses mit Einzelradaufhängung vorn und hinterer Pendelachse.

Der Mercedes-Benz 170 von 1931
Der Mercedes-Benz 170 von 1931, der erste Mercedes mit Einzelradaufhängung vorn und hinterer Pendelachse

Hans Nibels Brief vom Juni 1931

Am 12. Juni 1931 schrieb der technische Direktor Hans Nibel Ganz von Hand aus einem Hotel im Erzgebirge. Der für diese Seite entzifferte Brief dankt Ganz für sein Urteil über den kleinen Wagen des Hauses und fährt fort:

„… die von Ihnen gemachten Vorschläge, die wir, wie Sie wissen, teilweise schon berücksichtigt haben. […] Ich hoffe, daß ich Ihnen bald einen weiteren unserer kleinen Wagen und zwar schon einen der ersten Entwicklungsstücke zur Verfügung stellen kann …“
— Hans Nibel an Josef Ganz, 12. Juni 1931 (Archiv Schilperoord; einzelne Wörter unsicher)

Nibel versprach ausserdem, die von Ganz vorgeschlagenen Konstruktionen nach seiner Rückkehr nach Untertürkheim prüfen zu lassen. Die Stelle, an der er Ganz bittet, weiter an der Vervollkommnung des Wagens mitzuhelfen, ist im Original unterstrichen.

Ganz half auch in Patentfragen. Der französische Ingenieur Dimitri Sensaud de Lavaud besass ein deutsches Patent auf vier unabhängig gefederte Räder, das dem neuen Wagen hätte im Weg stehen können. Im Oktober 1931 wies Ganz Nibel auf ein amerikanisches Patent von 1916 hin, das ihm vorgriff. Daimler-Benz lud Sensaud de Lavaud nach Stuttgart ein, und im Februar 1932 teilte Nibel Ganz mit, der Franzose habe das Vorbenutzungsrecht des Unternehmens anerkannt und seine Patente gegen Erstattung seiner Kosten abgetreten.

„… so können wir uns doch nicht entschliessen …“

Mit seinem kritischen Journalismus machte sich Ganz in der Industrie Feinde. Am 8. November 1931 schrieb er dem Vorstand von Daimler-Benz, er habe gehört, dass man dem Unternehmen die Zusammenarbeit mit ihm vorwerfe, und bot an, den Vertrag zurückzugeben. Zwei Tage später antwortete der Vorstand:

Brief des Vorstands von Daimler-Benz an Josef Ganz, 10. November 1931
Daimler-Benz an Josef Ganz, 10. November 1931: Der Vorstand lehnt sein Angebot ab, vom Vertrag zurückzutreten
„Ihre vornehme Einstellung kann nur unsere vollste Anerkennung finden. So sehr wir nun auch das Verständnis, das in Ihrer Erklärung zum Ausdruck kommt, würdigen mögen, so können wir uns doch nicht entschliessen, von Ihrem freundlichen Angebot Gebrauch zu machen, bitten Sie vielmehr höflichst, uns auch weiterhin mit Ihrem wertvollen Rat zur Seite zu sein.“
— Vorstand der Daimler-Benz AG an Josef Ganz, 10. November 1931

Michael Graf Wolff Metternich zitierte diesen Brief 1990 nur bis „Anerkennung finden“, was den Eindruck erwecken kann, der Vertrag habe 1931 geendet. Der vollständige Brief zeigt, dass die Zusammenarbeit noch zwei weitere Jahre andauerte.

Zwei Verträge – und ihr plötzliches Ende 1933

Neben dem Beratervertrag hatte Ganz mit Daimler-Benz einen zweiten Vertrag vom 20. Januar 1933, rückwirkend ab 1. Oktober 1932: Er bot dem Unternehmen seine künftigen Erfindungen an, für 250 Reichsmark im Monat. Laut Paul Schilperoord gab Ganz wichtige Impulse für den Mercedes-Benz 170 und den 120 H, und der neue Mercedes-Benz 130 H von 1934 – ein Heckmotorwagen mit Zentralrohrrahmen, Einzelradaufhängung und Pendelachsen – folgte der Bauweise des Maikäfers.

Im Oktober 1933 trat Jakob Werlin, Hitlers Berater in Automobilfragen, auf Drängen Hitlers in den Vorstand von Daimler-Benz ein. Am 29. November 1933 kündigte Daimler-Benz beide Verträge mit Ganz fristlos, mit der Begründung, die Entwicklung der Verhältnisse erlaube es ihm nicht mehr, seine Dienste wie vereinbart zu leisten. Laut Schilperoord konnte der Erfindungsvertrag nicht vor dem 31. Dezember 1935 beendet werden, und Ganz legte Einspruch ein.

In einer am 7. April 1935 in Vaduz unterzeichneten Erklärung hielt der Anwalt Dr. Heinrich Kuntze fest, ein Anwalt von Daimler-Benz habe in seiner Gegenwart bestätigt, dass die Kündigung nicht vom Vorstand selbst ausgegangen sei, „sondern infolge eines Druckes von Aussen“.

Daimler-Benz gab später eine eigene Darstellung. In einem Schreiben vom 3. August 1950 an den Schlichter für Wiedergutmachung in Stuttgart hielt das Unternehmen fest, Ganz habe es zu Unrecht verdächtigt, ihn bei der Gestapo denunziert zu haben – „das Gegenteil war der Fall“. Am 22. Januar 1935, Ganz lebte inzwischen in der Schweiz, kam eine Vereinbarung zustande; im Juni 1935 wurde der Erfindungsvertrag wieder in Kraft gesetzt, bis ihn Ganz’ Anwalt auf den 31. März 1936 kündigte. Die monatlichen Zahlungen seien bis dahin geleistet worden.

Der Mercedes-Benz 130 H und Hitlers Skizzen

Zu Weihnachten 1933 lieh sich Ganz einen fabrikneuen 130 H vom Werk und testete ihn im Schnee des Schwarzwalds. Der Wagen folgte der Bauweise des Maikäfers, doch entgegen seinem Rat sass der Motor über und hinter der Hinterachse. In der Motor-Kritik schrieb er, es handle sich eigentlich nicht um einen echten Heckmotorwagen, sondern eher um einen Wagen mit Aussenbordmotor.

Mercedes-Benz 130 H, Seitenansicht
Mercedes-Benz 130 H, aus Josef Ganz’ Fotos seines Testwagens, 1933/34 (Archiv Schilperoord)
Mercedes-Benz 130 H im Nebel mit zwei Männern
Derselbe 130 H auf einer Winterfahrt (Archiv Schilperoord)

Auf der Berliner Automobilausstellung im März 1934 zeigte Hitler grosses Interesse am 130 H. Sowohl Christof Vieweg als auch Paul Schilperoord beschreiben die Skizzen, die Hitler kurz darauf für Ferdinand Porsche zeichnete, als dem 130 H sehr ähnlich. Zu diesem Zeitpunkt hatte Ganz alle seine deutschen Verträge verloren, und noch 1934 verliess er das Land.

Eine Lizenz auf ein umstrittenes Patent

1932 hatte Daimler-Benz das Patent DE 642 192 für ein Kraftfahrzeug mit vier unabhängig voneinander abgefederten Rädern angemeldet; es wurde 1937 erteilt und für die Heckmotorwagen 130 H und 170 H genutzt. Ganz war der Ansicht, es beruhe auf seiner Maikäfer-Konstruktion. Sein Anwalt Fritz Isler fuhr den Maikäfer 1937 Probe und kam zu dem Schluss, dass er dem Patentanspruch in jeder Hinsicht entsprach. Im Januar 1938 verlangte die Schweizer Firma Erfiag, auf die Ganz seine Rechte übertragen hatte, das Patent heraus und verklagte Daimler-Benz in Frankfurt. Am 9. August 1938 einigten sich die beiden Firmen: Die Erfiag zog die Klage zurück und anerkannte das Patent als Eigentum von Daimler-Benz, dafür erhielt sie eine Lizenz – laut Paul Schilperoord einen Schweizer Franken pro gebautem Fahrzeug. Nach dem Krieg versuchte es Ganz erneut. In seiner Rückerstattungsanmeldung vom 25. Dezember 1948 verlangte er das Patent und eine Lizenz für den 130 H, den 170 H und den Volkswagen, und in einer Erklärung vom 24. Oktober 1950 machte die Erfiag geltend, sie habe 1938 unter Druck gehandelt. Daimler-Benz widersprach. Metternich hielt den 24. Oktober 1950 für das Datum einer Vereinbarung; die Akten zeigen, dass es das Datum der Erfiag-Erklärung ist. Ob Ganz aus diesen Ansprüchen je etwas erhielt, ist nicht bekannt.

Quellen

  • Briefe Daimler-Benz – Josef Ganz, 1931–1933, eidesstattliche Erklärung (undatiert), Erklärung Dr. H. Kuntze, Vaduz, 7. April 1935. Archiv Schilperoord, künftig zugänglich im Archiv für Zeitgeschichte der ETH Zürich.
  • Rückerstattungssache Josef Ganz gegen Daimler-Benz u. a., 1948–1951: Anmeldung Ganz vom 25. Dezember 1948; Schreiben der Daimler-Benz AG vom 3. August 1950 und 2. Februar 1951. Staatsarchiv Ludwigsburg, FL 300/33, Rest S 4590.
  • Paul Schilperoord: Die wahre Geschichte des VW-Käfers. Huber, Frauenfeld 2011, S. 191–198, 209, 216, 263 (englische Ausgabe: The Extraordinary Life of Josef Ganz).
  • Michael Graf Wolff Metternich: „Der streitbare Geist Josef Ganz“. Automobil Revue Nr. 41, 4. Oktober 1990, S. 71.
  • Christof Vieweg: Die Akte Volkswagen. GeraMond, München 2014, S. 58.
  • Patent DE 642 192, Daimler-Benz AG, Priorität 22. April 1932.